Fernsehen macht blöd

TV-Kritiker Prof. Manfred Spitzer, ©Südtirol-Werbung

Unter den Fernseh-Junkies und Videospiel-Fans ist er derzeit das Hassbild. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Psychiater und Gehirnforscher, zieht in seinem neuesten Buch ins Feld gegen TV-Kunsum und bedingungsloses Computer-Spiel.

Dabei bezeichnet sich der 54jährige Professor und Autor selber keineswegs als Feind der Computer. Spitzer: „Ärzte benutzen PC, das ist doch klar.“ Als Autor des viel diskutierten Buches „Digitale Demenz – wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ sieht er in die Medien klar als Umweltverschmutzer,

Kommentare wie diese gehören zu Spitzers Alltag: „Herr Spitzer ich ballere gerade mit einer virtuellen Kalaschnikow. Wenn ich eine echte hätte, wären Sie der erste, den ich umnieten würde. Was Sie über den Zusammenhang von virtueller Gewalt und realer Gewalt sagen, ist vollkommener Unsinn.“

Der Arzt und Wissenschaftler behauptet: Medien verschmutzen die Gehirngänge der Kinder. „Wir vermüllen die Köpfe der Kinder und das ist unser wichtigster Rohstoff.“ Die fünf Kinder des Arztes, der gleichzeitig Medizin, Philosophie und Psychologie studierte, wachsen ohne TV auf. Spitzer: „Wenn sie wirklich nicht ohne TV auskommen wollen, gehen sie zu den Nachbarn, die unsere Einstellung kennen. Der Effekt: Auch bei Nachbars wird weniger fern geschaut und unsere Kinder lernen, freundlich zum Nachbarn zu sein.“

Spitzer zum täglichen Ablauf eines kindlichen Alltags: „Kinder schlafen sieben bis acht Stunden, sie verbringen 5,5 Stunden vor dem Bildschirm, davon 1,2 Stunden vor dem PC und drei Stunden vor dem TV-Gerät.“ Dagegen, so Spitzer, machten sich die auf einen 7-Tage-Woche umgerechneten 4,5 Stunden Schule geradezu mager aus. Prof. Spitzer weiter. „Wir machen uns viele Gedanken um Lehrinhalte, nicht aber um stundenlanges TV- und PC-Gehocke.“ Lernen, so Spitzer, finde immer statt, wenn das Hirn gebraucht wird. Lernen sei nichts anderes als Spuren des Gebrauchs von Hirn.

Der Ulmer Professor beweist an Hand einer Studie aus Neuseeland, die im renommierten Fachmagazin „Lancet“ 2004 veröffentlicht wurde, wie blöd Fernsehen macht. Die Studie erfasste 1972/1973 über 1.000 Geburten in Neuseeland. Der Werdegang der jungen Menschen wurde nachverfolgt und geschaut, was aus ihnen geworden ist.

Dazu wurde auch der individuelle TV-Konsum der Probanden erfasst. Es wurde ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem TV-Konsum in Kindheit und Übergewicht festgestellt. Der TV-Konsum erhöht sogar den Cholesterinspiegel. Allerdings hat dieser Konsum Langzeitwirkung: Wer mit 15 Jahren zu viel vor der Glotze sitzt, hat mit Ende 20 Übergewicht. TV-Konsum verbrauche, so Spitzer, weniger Kalorien als Nichtstun. Körper scheint in Ruhezustand zu gehen, wenn Gehirn schaut. Der Minderverbrauch von ca. 250 Kalorien pro Tag, summiert sich über die Jahre zu einem deutlichen Übergewicht. Und noch ein Effekt am Rande: 65% der Werbung im Programm, das von Kindern konsumiert wird, geht Richtung Nahrung, die obendrein ungesund ist.

Und noch eine Studie aus dem Jahr 2005: Kinder, die unter eine Stunde TV-Konsum pro Tag hatten, schafften zu über 40 % einen Universitätsabschluss. Steigt der Wert des TV-Konsums auf zwei bis drei Stunden täglich, halbiert sich dieser Wert. Bei über drei Stunden TV-Konsum weisen nur noch 15 % einen Hochschulabschluss auf. Und diese Zahlen, so Spitzer, seien unabhängig vom Sozialstatus der Familie.

Beim Fernseh-Konsum im Alter von fünf Jahren wird bereits bestimmt, wer einen Universitätsabschluss mit Mitte 20 hat. Das gilt vor allem für Oberschicht-Kinder, die meist sogar im Kinderzimmer ein eigenes TV-Gerät haben.

Damit sei aber immer noch nichts über die Qualität des Programms gesagt. Bis zum Alter von drei Jahren ist TV absolut schlecht. Egal, wie kindgerecht das Programm auch sein mag. Der Fernseher als Babysitter ist tabu. Spitzer vergleicht TV-Konsum sogar mit Gift. Niemand würde doch auf die Idee kommen und von einer tödlich Giftdosis einem Kind nur ein Löffelchen verabreichen. Daher ist auch ein bisschen Fernsehen für Kleinkinder Gift. Spitzers Conclusio: „3 Stunden sind schlimmer als 2 und die schlimmer als 1 Stunde.“ Fazit. Bis 3 Jahre TV grundsätzlich schädlich, ab dann dosisabhängig, vor allem abhängig vom Programm.

Prof. Spitzer zieht aber auch gegen die Inhalte der Programme zu Felde. „Das Programm besteht heute aus über 80 % Sendungen, die Gewalt enthalten. Vor 20 Jahren waren 50% der Programme gewalthaltig, 50% nicht. Spitzer: „Egal, welches Programm Sie einschalten, es kommt also immer Gewalt raus.“ In den USA wurden 700 Kinder am TV Konsum gemessen. Der Effekt: Es besteht ein direkter Zusammenhang von TV-Konsum und Gewalt. Das gelte auch für Mädchen, wenn auch auf geringerer Basis.

Und noch Zahlen zu den Inhalten. 2002 testete eine Studie in England Kinder von 4 bis 11 Jahren über das, was sie gelernt hatten. Der Test mit je 100 Tier- und Pokemon-Kärtchen war ernüchternd. Die Kids kannten 80 % aller gezeigten Pokemon-Figuren, aber nur 50 % der Tiere. Spitzer: „Schule ist die unangenehme Unterbrechung der Freizeit vor dem PC oder TV.“

Seine Forderung: „Es muss Gesetze geben, dass Mist-PC-Spiele verbreitet werden. Spitzer: „ Hersteller werden reich, mit der Verschmutzung der Gehirne unserer Kinder.“

Spitzers Institut in Ulm hat Kindern ein Langzeit-EGK und Bewegungssensoren umgehängt, um zu erfahren, was Kinder den ganzen Tag machen. Die Auswertung der Daten ergab nichts Neues: 2,4 Stunden TV, 2,3 Stunden PC. Der Erstaunliche: 15-jährige sind in ihrer Wachzeit, nur 7% in Bewegung. Sie sitzen und liegen 75%.